Trotz allem: Lasst uns über Metriken ­reden

 

 

 

Lars Rinsdorf, TH Köln

Ist über Bibliometrie nicht eigentlich alles schon gesagt worden: Über die unzulängliche Abbildung der Bedeutung einer Zeitschrift durch ihren Impact-Faktor? Die allenfalls lose Beziehung zwischen h-Index und der Reputation eine*r Wissenschaftler*in? Oder intransparente Altmetric-Scores kommerzieller Dienstleister?

Trotzdem lohnt es sich, weiter darüber zu sprechen. Und zwar zunächst, weil ernsthafte Diskussionen über Kennzahlen vor allem Diskussionen über fach- und wissenschaftspolitische Ziele sind und die Wege, diese Ziele zu erreichen: 

Wie wichtig ist uns etwa auf der gesellschaftlichen Ebene die Idee einer transformativen Kommunikationswissenschaft, die aktiv mit der Zivilgesellschaft aktuelle gesellschaftliche Probleme bearbeitet?

Streben wir auf der systemischen Ebene eine Wissenschaft an, die auf individuelle Exzellenz und Wettbewerb setzt, oder setzen wir auf Teamwork und frühzeitige Vernetzung von Kolleg*innen, die auf dem gleichen Feld tätig sind, um zu zentralen Fragen unseres dynamischen Gegenstands möglichst schnell valide Antworten zu bekommen?

Wie viel Wert legen wir auf der Akteursebene auf die individuelle und qualitative Betrachtung von Bewerbungen bei der Besetzung von Professuren in Relation zu standardisierten Verfahren, die das Wissenschaftsmanagement oft präferiert?

Erst wenn solche Fragen geklärt sind, lässt sich sinnvoll diskutieren, ob und inwieweit Metriken dabei unterstützen können zu überprüfen, wie weit wir auf dem jeweiligen Weg gekommen sind.

In diesen Diskussionen wird es zunächst immer darum gehen müssen, ob ein quantifizierender Ansatz wie die regelmäßige Analyse von Einzel­indikatoren grundsätzlich mit einer Zielsetzung zur Entwicklung eines Faches kompatibel ist. Wer etwa ein Umfeld anstrebt, das besonders offen für neue wissenschaftliche Perspektiven, innovative Publikationsformate und intensiven kollegialen Austausch ist, könnte berechtigte Zweifel anmelden, ob hier Metriken das richtige Instrument sind.

Selbstverständlich wird es aber immer auch Handlungsfelder geben, auf denen Metriken wertvolle Orientierung bieten können. Zu denken wäre zum Beispiel daran, wie gut es der Kommunikationswissenschaft gelingt, ihre Perspektive in öffentliche Diskurse zu Themen einzubringen, zu denen sie fachlich viel beitragen kann. Dann rücken natürlich die Validität, Reliabilität und Replizierbarkeit einer Metrik in den Mittelpunkt.

Hier tut ein Fach einerseits gut daran, sich nicht auf zweifelhafte Indikatoren einzulassen, die – etwa im Hochschulmanagement – schnell eine dysfunktionale Eigenlogik gewinnen. Andererseits kann methodische Rigorosität aber auch Wege zu Kennzahlen verbauen, die Anlässe bieten, regelmäßig über den Erfolg von Aktivitäten zur Erreichung eines fachpolitischen Ziels zu diskutieren. Wohl wissend, wie interpretationsbedürftig Web-Analytics ganz grundsätzlich sind.

Gerade deshalb werden Metriken vor allem dann zu einem sinnvollen Steuerungsinstrument, wenn sie gemeinsam von allen Stakeholder*innen im jeweiligen Feld entwickelt und kontinuierlich aktualisiert werden. Die Reichweitenmessung für werbefinanzierte Medienangebote mag hier als ein Beispiel dafür dienen, wie Metriken gerade deshalb Reputation gewinnen, weil sich die Beteiligten aus Medienhäusern, werbender Wirtschaft, Agenturen und Wissenschaft regelmäßig darüber austauschen. Institutional work wie diese scheint auch in der (Kommunikations-)Wissenschaft notwendig, um mit Metriken zu arbeiten, anstatt nur über sie zu lamentieren.