Publizieren wir zu viel (Müll) in ­Fachzeitschriften?

 

 

 

Jörg Matthes, Universität Wien

Fachzeitschriften stehen in der Kritik: Es dauert zu lange, es werden zu viele, unbedeutende Aufsätze veröffentlicht, das Peer Review-Verfahren steht ohnehin vor dem Zusammenbruch und überhaupt sollten wir nicht auf die Anzahl von Zeitschriftenaufsätzen schauen – so oder so ähnlich hallt es durch die Flure unserer Institute. Sicherlich kann das Publizieren in Zeitschriften, gerade in den englischsprachigen, hoch-gelisteten Journals, frustrierend sein. Auch gibt es viele Dinge, die wir weiter verbessern können. Allerdings sollten wir uns auch den zentralen Vorteil ins Gedächtnis rufen: Zeitschriften basieren auf dem Peer Review-Verfahren als wesentlichem Bestandteil der Qualitätssicherung. Es geht darum, die methodische und theoretische ­Qualität zu ­prüfen, tiefgründiges Feedback zu geben und den Einreichenden weiter zu helfen. Sicher klappt das nicht immer einwandfrei, dennoch ist dieses Prinzip im Grunde alternativlos. Hand aufs Herz: Wer wurde je bei einem Sammelband abgelehnt oder hat drei ausführliche Gutachten erhalten?

Kann es also schlecht sein, sich auf englischsprachige Journals zu konzentrieren? Ich denke nicht. Erstens, besteht durch das Peer Review eine Qualitätssicherung, nicht nur durch das Feedback selbst, sondern auch a-priori, da wir uns auf die kommende Kritik von vornherein einstellen müssen. Die Behauptung, es werde zu viel „Mainstream“ in den Journals veröffentlicht, hat geringe empirische Evidenz – denken wir etwa an die viel beachtete Forschung zu COVID-19. Wir sollten nicht den Fehler machen, unsere eigenen abgelehnten Arbeiten als „zu innovativ“ für „den Mainstream“ zu betiteln. Das ist ein leicht zu durchschauender, psychologischer Effekt. Auch sollten wir eine negative Erfahrung nicht pauschalisieren, Stichwort: Negativity Bias. Vielmehr geht es darum, sich permanent der Kritik der Peers zu stellen, um zu lernen und die eigenen Arbeiten weiter zu verbessern, auch wenn es nicht immer optimal läuft.

Zweitens: Alle können bei den Zeitschriften einreichen und alle können auch abgelehnt oder angenommen werden. Eine Einreichung beruht nicht auf Netzwerken, wie dies meist bei Sammelbänden der Fall ist. Kann ich als PhD Student ins Journal of Communication kommen? Ja, sicher! Damit ist der potenzielle Bias (z.B. in Bezug auf Geschlecht, Ethnie, etc.) nicht aus der Welt, aber er ist geringer als bei Sammelbänden, bei denen es keinen offenen Call gibt. Empirischer Fakt ist auch: Englischsprachige Journals erreichen das größte Publikum und zwar weltweit. Und darum geht es doch schlussendlich. Das ist übrigens kein Argument gegen die Monographie, die nach wie vor wichtig ist.

Diese Punkte sind nicht neu. Ein dritter wird aber oft übersehen: Wissenschaftliche Erkenntnis entsteht durch Kumulation. Wenn wir also meinen, wir publizieren nur noch „wenige, richtig große Arbeiten“ und damit sei dann alles zu dem Thema gesagt, so ist das Augenwischerei. Jede Studie hat Limitationen und ist nur ein kleines Puzzleteil. Nur durch die Kumulation der Evidenz, über Kontexte und Rahmenbedingen hinweg, entsteht ein Muster, aus dem wir echte Schlussfolgerungen, beispielsweise durch Meta-Analysen, ziehen können. Dafür brauchen wir viele Studien. Dabei sind auch Arbeiten wichtig, die nicht viel zitiert werden. Allerdings müssen wir weiter an den Qualitätskriterien feilen. Diese sind nicht in Stein gemeißelt, sondern sie entwickeln sich weiter, wenn auch langsam (z.B. Open Science, Replikationen, Effektstärken). Es kann also gar nicht „zu viel“ publiziert werden. Übrigens: Vielleicht publizieren wir auch gar nicht mehr als früher? Es steigt zwar unbestritten die Anzahl der Zeitschriftenpublikationen. Aber über die Zeit hat sich eben auch die Anzahl der Koautorinnen und -autoren erhöht, Stichwort: Team Science. Berücksichtigt man dies, wird pro Kopf gar nicht mehr publiziert, zeigt eine Studie aus PLOS ONE (Fanelli & Larivière, 2016, Researchers’ Individual Publication Rate Has Not Increased in a Century).

Wir sollten daher bei aller Kritik nicht das Kind mit dem Bade ausschütten, sondern das Zeitschriftenmodell weiter verbessern: Offener gestalten, auf breitere Schultern stellen, ­Multiple-Studies-Paper anstreben, Qualitätskriterien weiter diskutieren, Biases offen legen, den Impact Factor korrekt interpretieren (d.h.: nicht als Eigenschaft eines Aufsatzes), Open Access forcieren und den gesamten Prozess vehementer internationalisieren. Und zu guter Letzt: Alle fleißig und fair begutachten. Bitte also weiter hochwertige, methodisch und theoretisch innovative Arbeiten bei den Journals einreichen: Fingers crossed ;-)