Open Access: Sinnvoll oder ethisch fragwürdig?

 

 

 

Tobias Dienlin, Universität Wien

Ist es sinnvoll, Beiträge im Open Access Format zu veröffentlichen? Lohnt es sich, die hohen Gebühren zu bezahlen? Und falls ja, ist es moralisch vertretbar? Sollte ich nicht vielleicht lieber Journals mit günstigen oder kostenlosen Open Access Formaten wählen – auch wenn sie weniger renommiert sind?

Früher war es Standard, dass Forschungsbeiträge hinter verschlossenen Türen, hinter Bezahlschranken waren. Die physischen Journals mussten gedruckt, geliefert und aufbewahrt werden, und für Bücher gilt dies auch weiterhin. Durch die Digitalisierung erhöhte sich die Verfügbarkeit jedoch schlagartig, drastische Kostensenkungen im Produktions- und Verbreitungsprozess waren die Folge, und verschiedene Open Access Formate entstanden.

Es gibt verschiedene Arten von Open Access. Green Open Access bedeutet, dass Forscher:innen ihre Ergebnisse selbst veröffentlichen, die eigenständig produzierten und formatierten Dokumente öffentlich teilen. Vielen besser bekannt als Preprints (vor Peer-Review) und Postprints (nach Peer-Review). Dann gibt es Gold Open Access. Forscher:innen zahlen selbst dafür, dass ihre Arbeit für andere frei verfügbar ist. Zu guter Letzt Diamond Open Access (auch bekannt als Platinum Open Access). Forscher:innen müssen hier gar nicht zahlen – das Journal wird extern finanziert, beispielsweise herausgegeben von Fachgesellschaften, ermöglicht durch Mitgliedsbeiträge.

Gold Open Access wird mittlerweile von nahezu allen Journals und Verlagen angeboten, zu unterschiedlichen Preisen. Diamond Open Access Journals hingegen sind selten. Das Prominenteste in unserem Fach ist womöglich das Journal of Computer Mediated Communication. Ebenso zählen hierzu M&K, SCM, International Journal of Communication, European Journal of Health Communication, Computational Communication Research, Journal of Quantitative Description: Digital Media, und das Blatt, das Sie gerade in den Händen halten.

Der größte Vorteil der Open Access Veröffentlichung besteht in der substanziell erhöhten Reichweite. Open Access Publikationen werden weit häufiger zitiert, ein kausaler Effekt ist wahrscheinlich. Es gibt auch einen schlagenden ethischen Grund: Die meisten von uns werden mindestens anteilig durch Steuergelder bezahlt. Sollten unsere Ergebnisse nicht auch für den Auftraggeber einsehbar sein?

Aber ganz so einfach ist es nicht, und Open Access Formate haben auch Nachteile. Die meisten renommierten Journals erscheinen nicht Open Access. Und wer würde schon freiwillig auf eine JOC oder, Gott bewahre, Nature Veröffentlichung verzichten? Wie stark ist das Renommee einer Zeitung mit der erhöhten Reichweite aufzuwiegen? Klar, am liebsten beides, am liebsten nur noch JCMC-Publikationen – aber realistisch und praktikabel ist das nicht. Auch wenn ich kein Freund der fetischisierten Quantifizierung unseres Forschungs-Outputs bin, spielt er uns hier potenziell in die Karten. Sobald ein Paper viel zitiert wird, ist das Journal meiner Wahrnehmung nach weniger wichtig, und dem H-Index und den Citation-Counts sind Journal Reputation egal. Auch rein karrieristisch betrachtet erscheint es sinnvoll, Diamond Open Access Journals im eigenen Ranking höher einzustufen.

Warum aber nicht in Top-tier Journals per ­teurem Gold Open Access publizieren? Zumindest, falls das Geld vorhanden ist? Hier ist es ethisch problematischer. Individuell betrachtet ergibt es gewiss Sinn. Aber systemisch benachteiligt es all diejenigen, die diese Mittel nicht zur Verfügung haben. Gerade im internationalen Vergleich ist dies besonders relevant, wenn es um die Sichtbarkeit der ohnehin Geringsichtbaren geht. Es ist müßig, das ­Matthäus-Prinzip ethisch zu diskutieren, Leistung soll sich ja bekanntlich auch lohnen, aber die Reibungspunkte sind nicht von der Hand zu weisen.

Ich halte es wie folgt: So viel Diamond Open Access wie möglich, so viel Gold Open Access wie nötig, aber immer Green. Denn mir ist bisher noch kein Fall bekannt geworden, in dem es nicht erlaubt oder möglich gewesen wäre, die eigene Autorenversion mit der Öffentlichkeit zu teilen (kann man hier nachprüfen: https://www.sherpa.ac.uk/romeo/). Vielleicht möchte nicht jede:r den Preprint teilen – aber gegen das Teilen des Postprint spricht nichts. Mir ist kein einziges Argument bekannt.

Also: Immer die Autorenversion auf kostenlosen Archiven wie bspw. psyarxiv oder socarxiv teilen! Es erhöht die Reichweite substanziell. Das Paper bekommt eine eigene, neue DOI – aber man kann auch die DOI der veröffentlichten Publikation angeben. Fortan wird der Preprint angezeigt, sobald das Paper auf Google Scholar gesucht wird. Es ist somit leicht zugänglich, der eigenen Karriere zuträglich, und ethisch komplett unbedenklich.